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Fingerbeugesehne, Ruptur

Englischer Begriff

Jersey finger; Climber’s finger; Rupture of the flexor tendons of the finger

Definition

Degenerativ oder traumatisch verursachte Kontinuitätstrennung einer oder beider Beugesehnen eines Fingers.

Pathogenese

Die Ruptur einer Fingerbeugesehne ist selten und tritt am häufigsten am vierten Finger auf. Sie kann im Rahmen einer langfristig bestehenden Tenosynovitis rheumatischer Genese, durch ein Impingement an einer knöchernen Prominenz, nach stumpfen Traumen, vermehrter Flexion gegen Widerstand (z. B. beim Sportklettern) oder Hyperextensionsverletzungen entstehen.

Symptome

Die Patienten klagen über eine verminderte Kraftentwicklung bei der Langfingerbeugung. Bei einer isolierten Ruptur der Sehne des M. flexor digitorum profundus kann das Langfingerendgelenk nicht mehr aktiv gebeugt werden. Schmerzen werden speziell bei der rheumatoiden Arthritis nicht von allen Patienten angegeben, so dass der Zeitpunkt der Ruptur retrospektiv oft nicht mehr feststellbar ist.

Diagnostik

Bei der klinischen Untersuchung kann die betroffene Sehne durch die funktionelle Untersuchung identifiziert werden. Eine isolierte Beugung des Langfingerendgelenks ist bei einer Ruptur der Sehne des M. flexor digitorum profundus nicht mehr möglich. Traumatische Rupturen sind meist in Höhe der knöchernen Insertion an der Endphalanx und nur selten im Hohlhandbereich oder im muskulotendinösen Übergang zu finden.

Degenerative Rupturen rheumatischer Genese finden sich oft im distalen oder proximalen Hohlhandbereich (Zone III/IV).

Die Überprüfung der Funktion des M. flexor digitorum superficialis III, IV und V erfordert die aktive Beugung des betreffenden Fingers bei gleichzeitiger passiver Streckstellung der beiden anderen Finger. Am Zeigefinger lässt sich die oberflächliche Beugesehne durch die Kraftentwicklung beim Spitzgriff mit überstrecktem Zeigefingerendgelenk untersuchen. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis und länger zurückliegender Verletzung der Sehne des M. flexor digitorum superficialis kann eine Überstreckung des Fingermittelgelenks imponieren.

Liegt die Sehnenverletzung länger zurück und besteht der Verdacht auf eine Retraktion der Sehne des M. flexor digitorum profundus, kann eine Ultraschalluntersuchung oder eine Magnetresonanztomographie weiteren Aufschluss bringen.

Differenzialdiagnose

Eine abgeschwächte oder aufgehobene Beugung im Langfingerendgelenk II und III sowie im Daumen kann auch durch eine Kompression des N. interosseus anterior des N. medianus hervorgerufen werden.

Therapie

Frische Rupturen der Sehne des M. flexor digitorum profundus oder des M. flexor digitorum superficialis an einem Langfinger werden primär operativ versorgt. Bis zu drei Wochen nach der Verletzung ist meist eine direkte Naht möglich. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis wird die Indikation in Abhängigkeit von der Funktionalität der Hand und den beruflichen Anforderungen gestellt, wobei die isolierte Rekonstruktion einer Beugesehne sehr zurückhaltend indiziert wird. Rupturen im muskulotendinösen Übergang sind eine Domäne der konservativen Behandlung.

Akuttherapie

Primär operative Versorgung einer frischen Ruptur der Sehne des M. flexor digitorum profundus oder des M. flexor digitorum superficialis an einem Langfinger.

Konservative/symptomatische Therapie

Bei Rupturen im muskuloligamentären Übergang wird eine Immobilisation in einer Oberarmgipsschiene in Flexionsstellung des Handgelenks (ca. 30–40°) und Funktionsstellung der Fingergelenke über etwa drei Wochen durchgeführt. Anschließend kann eine zunehmende funktionelle Übungstherapie durchgeführt werden.

Medikamentöse Therapie

Begleitende lokale und systemische antiphlogistische Medikation bei einer akuten Sehnenruptur.

Operative Therapie

Ein akuter Ausriss der Sehne des M. flexor digitorum profundus von ihrer Insertion an der Endphalanx (Zone 1) wird in aller Regel primär operativ reinseriert. Dies geschieht über Fadenanker oder eine transossäre Nahttechnik. Auch frische Rupturen anderer Lokalisation werden in Abhängigkeit vom Alter des Patienten und der manuellen Beanspruchung der Hand primär versorgt. Ältere Verletzungen mit funktionellem Defizit können mit einer Tenodese des distalen Interphalangealgelenks, in seltenen Fällen auch mit einer Arthrodese des distalen Interphalangealgelenks behandelt werden. Rekonstruktive Maßnahmen älterer Verletzungen der Sehne des M. flexor digitorum profundus bleiben Ausnahmeindikationen vorbehalten. Nur selten kommt es durch den retrahierten Stumpf der Sehne zu einer Beugebehinderung des Fingers. In diesen Fällen kann eine Resektion des proximalen Stumpfs erfolgen.

Die seltenen isolierten Rupturen der Sehne des M. flexor digitorum superficialis werden primär rekonstruiert. Die degenerativen Rupturen der Beugesehnen erlauben meist keine direkte Adaptation der Sehnenstümpfe, so dass ein freies Sehnentransplantat zur Defektüberbrückung eingesetzt werden muss. Wesentlich ist dabei, die oft zugrunde liegende knöcherne Deformität mitzubehandeln, um eine erneute mechanische Alteration der rekonstruierten Sehne zu verhindern.

Bewertung

Die frischen ansatznahen Rupturen heilen nach primärer operativer Insertion in aller Regel folgenlos aus, wenngleich mit einer Rerupturrate von etwa 4 % zu rechnen ist. Rupturen im muskulotendinösen Übergang führen meist zu einem geringen Funktionsdefizit, das sich aus der relativen Verlängerung der Muskel-Sehnen-Strecke erklärt.

Nachsorge

Bis zur Ausheilung der Verletzung und Abschluss der dynamischen Nachbehandlung (vier bis sechs Wochen) sollte eine regelmäßige fachärztliche Kontrolle erfolgen. Die Rehabilitation nach operativer Reinsertion der ansatznahen Beugesehnenrupturen entspricht einer funktionellen Nachbehandlung. Durch Anlegen einer dorsalen Gipsschiene kann eine Immobilisation des Handgelenks in ca. 30–40°-Beugung und eine Limitierung der Fingergrundgelenksstreckung auf 30–40° erreicht werden. Gummizügel am betreffenden Finger erlauben eine aktive und nach dorsal durch die Schiene limitierte Streckung des Fingers.

Autor

Renée Fuhrmann

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