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Pseudospondylolisthesis

Synonyme

Pseudospondylolisthese; Wirbelgleiten

Englischer Begriff

Pseudospondylolisthesis

Definition

Degenerative Gefügestörung in einem Bewegungssegment der Wirbelsäule.

Pathogenese

Ursache einer Pseudospondylolisthesis ist meist eine Bandscheibendegeneration mit Höhenminderung des Zwischenwirbelraums. Mittelfristig entsteht hierdurch eine vermehrte Belastung der kaudalen Gelenkfacetten mit erhöhtem Gelenkspiel, so dass ein geringes Ventralgleiten des kranial liegenden Wirbelkörpers möglich ist. Als prädisponierend gilt eine weitgehend sagittale Einstellung der Wirbelgelenke. Betroffen ist meist das Segment L4/L5. Da die Wirbelbögen bei der Pseudospondylolisthesis intakt sind, kommt es frühzeitig zu einer Einengung des Wirbelkanals. Bei langfristigen Verläufen kann sich kompensatorisch eine Hypertrophie der Wirbelgelenke und des Lig. flavum einstellen, so dass die relative Spinalkanalstenose noch verstärkt werden kann.

Symptome

Die Patienten beklagen meist belastungsabhängige Rückenschmerzen, vor allem nach längerem Stehen oder Gehen. Das Bewegungsausmaß ist meist endgradig eingeschränkt. Ausstrahlende Beschwerden über das Gesäß in die dorsalen Oberschenkel (pseudoradikuläre Schmerzen) sind häufig vorhanden, seltener radikuläre Symptome mit entsprechenden neurologischen Defiziten. Gelegentlich kann auch eine Claudicatio spinalis mit Einschränkung der Gehstrecke vorliegen.

Diagnostik

Die Untersuchung umfasst die Inspektion des stehenden Patienten, um einen Rumpfüberhang oder eine vermehrte Flexion der Lendenwirbelsäule feststellen zu können. Palpatorisch werden oft Schmerzen paravertebral (erhöhter Muskeltonus!) oder über den Dornfortsätzen angegeben. Ein Erschütterungsschmerz der Wirbelsäule ist nahezu regelhaft auslösbar. Die Beweglichkeit des Wirbelsäulenabschnitts ist befundabhängig unterschiedlich stark eingeschränkt. Das Aufrichten des vorgebeugten Oberkörpers wird meist unter Abstützen der Arme auf den Oberschenkeln demonstriert. Die neurologische Untersuchung umfasst die Überprüfung der Reflexe, der Muskelkraft und der Sensibilität. Nervendehnungszeichen (Lasègue-Zeichen) oder das Pseudo-Lasègue-Zeichen können zu einer Schmerzauslösung führen.

Elektrophysiologische Untersuchungen sind vor allem vor einer geplanten operativen Intervention sinnvoll, um die angegebene neurologische Symptomatik zu objektivieren.

Röntgenologisch zeigt sich neben einer Verschmälerung des Zwischenwirbelraums, die mit einer Osteochondrose einhergehen kann, ein Ventralversatz eines kranial liegenden Wirbelkörpers gegenüber dem kaudal folgenden Wirbelkörper. Schrägaufnahmen lassen keine Unterbrechung der Pars interarticularis der Bogenwurzeln erkennen. Funktionsaufnahmen in maximaler Vor- und Rückneigung (seitlicher Strahlengang) ermöglichen eine Aussage zum Ausmaß des Wirbelgleitens, sind aber hinsichtlich ihrer diagnostischen Wertigkeit umstritten. Kernspintomographisch kann die Kompromittierung der Nervenwurzeln bzw. des Duralsacks abgegrenzt werden. Eine kombinierte Myelographie-Computertomographie ist als bildgebendes Verfahren ebenfalls geeignet.

Differenzialdiagnose

Spondylolisthese

Therapie

In Abhängigkeit vom Befund kommen konservative oder operative Therapieverfahren in Frage. Eine Indikation zum operativen Vorgehen besteht nur nach erfolgloser langfristiger konservativer Therapie oder neurologischen Defiziten.

Akuttherapie

Analgetika, Antiphlogistika, Myotonolytika.

Konservative/symptomatische Therapie

Die konservative Therapie beinhaltet lokale Infiltrationen (Triggerpunktinfiltrationen, Nervenwurzelblockaden oder peridurale Infiltrationen). Parallel dazu sollten physikalische Maßnahmen (Hochvolttherapie, TENS, Kälte- oder Wärmeapplikation) sowie isometrische Spannungsübungen der Rumpfmuskulatur durchgeführt werden. Wichtig sind bei Befall der Lendenwirbelsäule entlordosierende Übungen, die über eine Reduktion der Beckenkippung unter physiotherapeutischer Anleitung erlernt werden können. Entlordosierende Orthesen sind ebenfalls als unterstützende Maßnahme geeignet, sollten jedoch nur im Zusammenhang mit einem regelmäßigen isometrischen Training der Rumpfmuskulatur getragen werden.

Medikamentöse Therapie

Analgetika, Antiphlogistika, Myotonolytika.

Operative Therapie

Im Vordergrund der operativen Therapie steht die Dekompression der neuralen Strukturen im Wirbelkanal und gegebenenfalls auch im lateralen Recessus. Da dies hauptsächlich durch die relative Instabilität auf dem Boden der Pseudospondylolisthesis verursacht wird, sind zusätzlich eine Reposition des kranialen Gleitwirbels und eine transpedikuläre Stabilisation mit posterolateraler Stabilisierung (posteriore lumbale interkorporelle Fusion) erforderlich.

Dauertherapie

Werden zur Behandlung der symptomatischen Pseudospondylolisthesis konservative Therapiemaßnahmen durchgeführt, ist aufgrund der zu erwartenden chronisch-rezidivierenden Schmerzsymptomatik eine dauerhafte symptomatische Therapie erforderlich.

Bewertung

Die Pseudospondylolisthesis als Ausdruck einer chronischen Bandscheibenschädigung ist als chronisch-rezidivierende Erkrankung zu interpretieren, die selbst bei erfolgreicher konservativer Therapie mit beschwerdefreien Intervallen in der Regel zu phasenweisen Schmerzexazerbationen führt. Operativ durch Reposition und Spondylodese behandelte Pseudospondylolisthesen haben hinsichtlich der Schmerzreduktion eine günstige Prognose, beinhalten allerdings das Risiko der Instabilität angrenzender Bewegungssegmente.

Nachsorge

Nach der operativen Stabilisierung ist eine konsequente fachärztliche Betreuung über mehrere Monate erforderlich. Nach Erreichen einer ausreichenden muskulären Stabilisation und Beschwerdelinderung ist keine regelmäßige ärztliche Kontrolle erforderlich.

Autor

Renée Fuhrmann

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