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Plexus brachialis, Geburtstrauma

Englischer Begriff

Obstetric brachial palsy

Definition

Eine bei der Geburt durch Zug oder Druck entstehende Schädigung des Armplexus.

Pathogenese

Eine mit Verbesserung der Entbindungstechniken und der Schwangerschafts- und Geburtsüberwachung abnehmende Ursache von Armplexusläsionen ist die Geburtslähmung, welche bei Spontangeburt bei einem Missverhältnis zwischen Becken der Mutter und Schulter des Kindes auftreten kann. Daneben kann die Plexusschädigung durch den Druck der Zangenblätter oder bei Steißlage des Kindes bei Anwendung des Handgriffs nach Veit-Smellie durch Druck des zweiten und dritten Fingers des Geburtshelfers entstehen. Die Häufigkeit der geburtsbedingten Plexusschäden wird mit 0,5–0,9 % angegeben. Geburtskomplikationen oder eine abnorme Lage des Kindes liegen bei den meisten Fällen vor. In 80 % der Geburtslähmungen liegt eine obere Plexuslähmung vor (Erb-Duchenne-Lähmung, Segmente C5 und C6), in 10 % eine untere Plexuslähmung (Déjerine-Klumpke-Lähmung, Segmente C8–Th1), in 1 % eine komplette Plexuslähmung (Segmente C5–Th1) und in 9 % atypische Plexuslähmungen mit Lähmung einzelner Wurzeln.

Symptome

Bei Verletzungen der Segmente C5 und C6 kann der Arm nicht abduziert und außenrotiert werden. Bei Beteiligung von C7 fallen der M. triceps und die Handstrecker aus. Bei Schädigung von C8 und Th1 liegen Ausfälle im Bereich der Handmuskulatur vor.

Bei der oberen Plexuslähmung hängt der Arm innenrotiert schlaff am Körper herab. Obere Plexusläsionen sind häufig von Phrenikusparesen begleitet, welche dem Säugling Atemprobleme bereiten können. Untere Plexusläsionen gehen mit einer Krallenhandbildung mit Parese der langen Fingerbeuger (bisweilen partiell betroffen) und der kleinen Handmuskeln einher. Der M. triceps brachii und die langen Hand- und Fingerstrecker sind im Allgemeinen verschont. Häufig findet sich ein Horner-Syndrom.

Bei schweren Läsionen bleibt die Sensibilität oft monatelang, bisweilen definitiv gestört. Zu dieser Zeit besitzt das Kind noch kein Körperschema, der Mangel an Afferenzen und die Lähmung der Extremität können Auswirkungen auf die zentrale Repräsentation des Arms haben und zu einer so genannten Entwicklungsapraxie führen. Diese ist allein durch die Plexuslähmung erklärbar und kein Indikator für eine zusätzliche zerebrale Schädigung. Hinzu kommt ein gemindertes Wachstum der gelähmten Extremität, welche ca. 10 % der gesunden Extremität betragen kann.

Diagnostik

Klinisch neurologische Untersuchung, neurophysiologische Untersuchung, evozierte Potentiale, Elektrommyographie (siehe Armplexusläsion).

Bei Zeichen der Entwicklungsapraxie einmalige kraniale Magnetresonanztomographie zum Ausschluss einer zusätzlichen zerebralen Störung; bei der reinen Entwicklungsapraxie ist die magnetresonanztomographische Untersuchung regelrecht.

Differenzialdiagnose

Muskuläre Einblutungen.

Therapie

Zunächst konservative Maßnahmen, bei fehlender Erholung der Funktion Indikation zur operativen Rekonstruktion.

Akuttherapie

In den ersten Wochen gut gepolsterte Kramer-Schiene, danach Gipsschiene in 90°-Abduktion und Außenrotation, Unterarm in Mittelstellung zwischen Supination und Pronation fixiert. Mehrmals täglich passives Bewegen des Hand- und des Ellenbogengelenks, später auch des Schultergelenks

Konservative/symptomatische Therapie

Siehe Akuttherapie.

Operative Therapie

Geburtsbedingte Plexusläsion: Problem ist, die Patienten mit schlechtem Spontanverlauf rechtzeitig zu erkennen. Operationsindikation sind fehlende Reinnervationszeichen im M. biceps brachii nach drei Monaten, eventuell zusätzlich Histamintest.

Operationsvorgehen gleicht dem bei Erwachsenen. Bei erhaltener Kontinuität der Nervenstränge erfolgt eine Neurolyse, bei Verlust der Kontinuität wird eine Nerventransplantation vorgenommen, bei Wurzelausriss ein Nerventransfer.

Rekonstruktive Eingriffe im Bereich der Muskulatur werden nach Abschluss der Regeneration durchgeführt. Die Wiederherstellung der Muskelfunktion hat bei Kindern eine bessere Prognose als bei Erwachsenen.

Dauertherapie

Intensive Übungsbehandlung.

Bewertung

In 85 % der Fälle führt die konservative Behandlung zu guten funktionellen Ergebnissen, davon zeigen 25 % der Kinder eine vollständige Rückbildung der Ausfälle; 60 % der Kinder zeigen eine teilweise Rückbildung, welche gut genug ist für Muskel- und Sehnentransfereingriffe. Intensive krankengymnastische Betreuung ist in diesen Fällen notwendig. Die Erholungszeit beträgt sechs Monate bis zwei Jahre. 15 % der Kinder zeigen keine Regenerationszeichen und behalten schwere Funktionsdefizite.

Nachsorge

Physiotherapie

Autor

Iris Reuter

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